




Physikalisch-technische
Schriftuntersuchung
Richtlinie
(modifiziert
gem. MV-Beschluß 1998)
1.
Gegenstand der physikalisch-technischen Schriftuntersuchung
Der Begriff "physikalisch-technische
Schriftuntersuchung" beinhaltet eine Reihe von Methoden und Techniken,
welche als Mittel der objektiven Befunderhebung vor der eigentlichen
Schriftvergleichung einzusetzen sind. Ausschließlich physikalischer und nicht
chemischer Natur sind sie im Allgemeinen zerstörungsfrei, um die nachfolgenden
schriftanalytischen Überprüfungen nicht zu beeinträchtigen oder zu
präjudizieren. Wird die Grenze des zerstörungsfreien Handelns überschritten und
erweist sich der Einsatz weiterer komplexer, technischer Geräte mit den dazu notwendigen
Fachkenntnissen zwecks Abklärung des Sachverhalts als erforderlich, muss der
Fachmann für Urkundentechnik bzw. für die spezielle Problemstellung beigezogen
werden.
Physikalisch-technische Überprüfungen als
Voruntersuchungen sind integrierender Bestandteil jeder forensischen
Schriftvergleichung, die - zumindest im Stadium der Voruntersuchung - auch
materialtechnische Aspekte beinhaltet. Besonderheiten des Schreibgerätes und
des Schriftträgers beeinflussen die Schreibleistung und sind bei der physikalisch-technischen
Überprüfung zu erfassen. Urkundentechnische Untersuchungen helfen, von bloßem
Auge festgestellte Materialunterschiede zu objektivieren und für das
menschliche Auge nicht wahrnehmbare Materialdifferenzen zu erkennen.
Da oftmals nur die physikalisch-technischen
Untersuchungen ermöglichen, den Befund einer Schriftvergleichung zu
objektivieren, insbesondere bezüglich Fälschungs- bzw. Verfälschungsmerkmalen,
sind sie in der Anwendung zwingend; unabhängig von der schriftanalytischen
Fragestellung und dem quantitativen Umfang des Schriftmaterials.
2.
Untersuchungsmethodik (Minimum Standard)
Der methodische Grundsatz "Vom Allgemeinen zum
Speziellen" ist konsequent zu verfolgen.
Die Überprüfung im sichtbaren Licht erfolgt zuerst von
bloßem Auge, im sichtbaren Tageslicht (5500°K) und Kunstlicht (3400°K), gefolgt
von der makroskopischen und stereomikroskopischen Untersuchung, unter
Zuhilfenahme verschiedener Lichtquellen (Halogenlicht, Kaltlichtleiter), Beleuchtungsarten
(Auf-, Durch- und Streiflicht) und Filter (Absorptionsfilter,
Polarisationsfilter).
Extravisuelle Untersuchungen im lang- und kurzwelligen
UV-Licht (366 nm bzw. 254 nm) wie auch im IR-Licht (700-1100 nm) zwecks
Erkennen von Absorptions- und Lumineszenzphänomenen erfordern den Einsatz
spezieller Hilfsmittel: Lichtquellen mit definiertem Lichtspektrum, Sperrfilter
für verschiedene Wellenlängen sowie opto-elektronische Scanner zwecks
Visualisieren der für das menschliche Auge nicht direkt erkennbaren
Absorptions- und Lumineszenzphänomene.
Mittels der elektrostatischen Oberflächenabbildung
(ESDA) werden latente Schreibdruckrillen sichtbar gemacht.
Neben diesen zerstörungsfreien Minimum-Standardmethoden
sind gegebenenfalls weitere urkundentechnische Untersuchungen angezeigt: Abbildungen
mittels zerstörungsfreier elektronischer Bildverarbeitung; (semi-) destruktive
Rasterelektronenmikroskop Untersuchungen oder chemisch-analytische
Materialbestimmungen. (Achtung: Spezialkenntnisse erforderlich).
Die Befunde der physikalisch-technischen Untersuchung
sind in Wort oder Bild zu dokumentieren. Angaben über angewandte Methoden und
Techniken ermöglichen die Nachvollziehbarkeit der Untersuchung. Fotografische
Dokumentationen sind angezeigt zur Demonstration von relevanten Ergebnissen; dies
gilt insbesondere bei Befunden, welche von bloßem Auge nicht wahrnehmbar sind.
Die objektive Werthaltigkeit jeder Feststellung ist
abzuklären. Lässt sich der Befund einer einzelnen Untersuchung durch weitere
Überprüfungen bestätigen, nimmt seine Bedeutung zu.
3.
Einsatzmöglichkeiten
Durch den gezielten und systematischen Einsatz von
Methoden und Techniken der zerstörungsfreien, physikalisch-technischen
Urkundenuntersuchung, soll der Schriftsachverständige in der Lage sein,
selbständig folgende Abklärungen vornehmen zu können:
Visuelle Beurteilung des Schriftträgers
Mikroskopische Untersuchung der Schrift
Extravisuelle Untersuchungen
Elektrostatische Oberflächenabbildung
Orientierung über den aktuellen Stand der technischen
Möglichkeiten aus den weiteren Bereichen der Disziplin
4.
Standard-Fachliteratur (ohne Zeitschriftenaufsätze)
ASTM-Standards. No E
1422-91 Standard Guide for Test Methods for Forensic Writing Ink Comparison.
Buquet, A. (1991).
L´expertise des écritures manuscrites.
Ellen, D.M. (1997). The
Scientific Examination of Documents - Methods and Techniques. London:
Taylor & Francis Ltd.
Hecker, M.R. (1993). Forensische
Handschriftvergleichung. Heidelberg: Kriminalistik Verlag.
Mathyer, J. (1986).
Optical Methods in the Examination of Questioned Documents. In Maehly A., Williams
R.L., (Hrsg.). Forensic Science Progress, Vol. 2. Berlin:
Springer Verlag.
Michel, L. (1982). Gerichtliche Schriftvergleichung -
Einführung in Grundlagen, Methoden und Praxis. Berlin: de Gruyter.
Pfefferli, P.W. (1989). Physikalisch-technische
Methoden der forensischen Schriftuntersuchung. In Conrad W, Stier B., (Hrsg.):
Grundlagen, Methoden und Ergebnisse der forensischen Schriftuntersuchung.
Lübeck: Schmidt-Römhild.
Für weitere Literatur-Angaben, insbesondere
Zeitschriftenaufsätze, wird auf systematische Fachliteratur-Sammlungen, wie
beispielsweise die Mannheimer Bibliographie für Schriftvergleichung und
Urkundenprüfung verwiesen.




